WAZ Intranet Dissertation Petra Kappe

Im zweiten Stock ist es angenehm kühl. Während draußen feriengelaunte Dortmunder bummeln, einkaufen und das Eiscafé belagern, beginnt jetzt, am frühen Nachmittag, gerade erst der Arbeitstag für Petra Kappe. Heute hat sie Spätdienst. Fast allein sitzt die Journalistin in der Redaktion am Brüderweg, nebenan konferieren die Kollegen.

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Petra Kappe bereits im Ressort Politik. Ihr Herz aber hing stets auch an der Hochschule – und an den Lesern: In Münster hat die heute 50-Jährige Publizistik und Kommunikationswissenschaften studiert. Für ihre Magisterarbeit zur Agenda-Setting-Funktion der Medien startete Kappe eine empirische Studie und befragte die Menschen zur Berichterstattung rund um die Olympischen Winterspiele 1984 in Sarajewo.

Nach dem Volontariat und Jahren der Berufstätigkeit nahm Petra Kappe im Wintersemester 2006 einen Lehrauftrag der TU Dortmund an. Von da an brachte sie Nachwuchsjournalisten bei, wie man Meldungen schreibt und was bei internationaler Berichterstattung zu beachten ist. Im Umfeld der Uni begann sie, an eine Promotion zu denken. „Ich habe die intensiven Kontakte mit den jungen Leuten genossen“, sagt die Redakteurin. Die Diskussionen, die medienpolitischen Seminare – „all das hat den Anstoß gegeben, zu reflektieren, was ich eigentlich beruflich mache, und vor allem: warum.“

Als die WR im Jahr 2007 in einem groß angelegten Relaunch ihr äußeres Erscheinen komplett veränderte und erboste Leser in Redaktionen und Leserläden Sturm klingelten, fiel bei Petra Kappe die Entscheidung zur Doktorarbeit: „Die Menschen haben sich beschwert, es sei nicht mehr ihre Zeitung, die da morgens im Briefkasten stecke. Da habe ich mich gefragt, was das überhaupt heißt – ,meine Zeitung’.“ An der Zeitung schien mehr zu hängen als die bloße Berichterstattung. Da einschlägige Literatur nicht zu finden war, entschloss sich die Journalistin abermals zu einer empirischen Untersuchung. Dabei wollte sie ganzheitlich vorgehen, mal nicht nur die Inhalte des Blatts in den Mittelpunkt stellen, sondern nach der Zeitung im Alltag, im Lebenslauf zu fragen, sie „als Gegenstand betrachten, als Ding, mit dem man umgeht.“ Dabei wollte sie sich vor allem den Menschen zuwenden, die die Zeitung bereits abbestellt hatten.
Aus einer Liste von Abbestellern der WR in den Städten Hagen, Breckerfeld, Ennepetal und Schwelm wählte Petra Kappe 406 Adressen, von denen sie stichprobenartig Telefonpartner für die Befragung anrief. Die meisten seien überhaupt nicht begeistert gewesen und hätten kurzerhand aufgelegt. „Ich habe niemanden erreicht, der mit der Zeitung völlig gebrochen hat“, sagt Petra Kappe mit leichtem Bedauern in der Stimme.

Wer aber aus äußeren Zwängen wie Geldmangel oder Zeitnot auf die Zeitung verzichten müsse oder sie sich mit anderen teile, sei eher bereit zu einem Gespräch gewesen. Zumindest, nachdem Petra Kappe sie davon überzeugt hatte, dass es sich bei dem Interview nicht um eine Testsituation handelte, à la: „Haben Sie heute auch aufmerksam die Zeitung gelesen – und was stand darin, bitteschön?“

Hätten die Leute erst einmal Vertrauen gefasst, seien sie ins Reden gekommen. Während Kappe bei der Telefonbefragung nur Oberflächliches abfragen konnte wie: „Warum haben Sie die Zeitung abbestellt?“ (häufigste Antworten: keine Zeit, kein Geld) ging es bei den nachfolgenden persönlichen Leitfadeninterviews viel tiefer. Zwölf Interviewpartner waren bereit, intensiv über ihr Leben mit der Zeitung zu sprechen. Petra Kappe gab zwischendurch Impulse, sprach Themenbereiche an, legte den „Leitfaden“. Die Menschen erzählten von der ersten Zeitungslektüre – meistens Sport – wann sie die Zeitung lesen, in welcher Reihenfolge, was sie am meisten interessiert und was überhaupt nicht, wer in der Familie welchen Teil zuerst liest, usw. „Dabei kam heraus, das die Zeitung ein echter Begleiter im Alltag ist. Bei einer jungen Familie etwa hat sie den Ablauf des Frühstücks bestimmt – die Mutter hatte sich extra den Platz am Frühstückstisch ausgesucht, an dem sie Zeitung lesen kann.“ Andere wiederum ließen sich lieber aus der Zeitung vorlesen. „Eine ältere Frau musste nach dem Tod ihres Mannes wieder neu lernen, längere Artikel selbst zu lesen. Das hat sie extra für die Zeitung auf sich genommen. Da zeigt sich, wie groß die Wertschätzung ist.“

Eine besondere Rolle nehme bei vielen Interviewpartnern der Lokalteil mit den Todes- und Glückwunschanzeigen ein. „Die Zeitung liefert Gesprächsstoff im näheren Umfeld und bietet durch Geschichten, die der eigenen ähneln, auch echte Lebenshilfe.“

So viele positive Aspekte – man sollte meinen, Abbesteller reden anders. „Auch für mich war überraschend, dass die Menschen Wege finden, ihren Gewohnheiten nachzugehen. Auch, wenn kein Abo mehr besteht“, sagt Petra Kappe. Sei etwa das Geld knapp, würden sich viele die Zeitung mit den Nachbarn teilen oder bei Familie und Freunden noch mal ins Blatt schauen. Wer keine Zeit mehr gefunden habe, täglich die Zeitung zu lesen, empfinde es als unbefriedigend, wenn sich zu Hause die alten Zeitungen stapeln. Bedauern würden sie aber dennoch, keine Zeitung mehr zu bekommen. Daraus hat Petra Kappe etwas ganz Praktisches gelernt: „Das Verhältnis von Aufwand und Nutzen muss für den Leser stimmen. Ich muss meine Artikel klar strukturieren, kurz und knapp halten und möglichst genau an Stilformen orientiert schreiben.“

An Faktoren wie Geldmangel kann Petra Kappe nichts ändern, „das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Aber in den drei Jahren, die sie für die Doktorarbeit gebraucht hat, ist ihr einiges klar geworden: „Ich bin an die Untersuchung herangegangen mit der Ausgangsüberlegung, dass die Menschen unzufrieden seien mit der Zeitung und sich deshalb Ersatz suchen würden. Bei denen, die ich gesprochen habe, war es aber nicht so. Die Bindung an die Tageszeitung ist hoch, und das über die ganze Spannbreite der Befragten. ,Den Leser’ gibt es nicht.“
Ebenso spannend sei es gewesen, nachzuvollziehen, wie die Menschen zur Zeitung finden. „Man muss sich als Journalist bewusst sein, das es täglich junge Menschen gibt, die die Zeitung zum ersten Mal in die Hand nehmen.“ Nichts dürfe durch Vorberichterstattung vorausgesetzt werden, es müsse immer ein völliger Neueinstieg möglich sein.

Ob ihre Studie von Chefredaktionen zu Rate gezogen wird, wenn diese die Motive ihrer abwandernden Leser ergründen möchten, kann Petra Kappe noch nicht abschätzen. Dafür ist ihr Buch erst zu kurz auf dem Markt. Sie bezweifelt es jedoch: „Wissenschaftlichen Ansätzen ist bei Entscheidungen bisher noch jedes Mal weniger Beachtung geschenkt worden als Agenturen oder Unternehmensberatern.“

Linda Fischer