Srebrenica: Blutige Vergangenheit liegt noch nah für die Menschen

Begräbnis von 505 identifizierten Opfern des Massakers von Srebrenica,bei dem ca. 8000 Menschen ermordet wurden
Begräbnis von 505 identifizierten Opfern des Massakers von Srebrenica,bei dem ca. 8000 Menschen ermordet wurden

Dzogaz Mejra ging im Juli vor sechs Jahren einen schweren Gang. Sie beerdigte zwei ihrer drei Söhne, die vor 20 Jahren bei dem Massaker von Srebrenica ums Leben kamen. Mehr als 500 weitere Opfer, die aus Massengräbern geborgen wurden, fanden zur gleichen Zeit dort ihre letzte Ruhe. Wie seither jedes Jahr an diesem Tag. An jedem 11. Juli gehen die Mütter von Srebrenica nach Potocari, um an die furchtbaren Ereignisse von damals zu erinnern, an den größten Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

In der Schutzzone der Vereinten Nationen glaubten die Menschen sich sicher vor den Angriffen der serbischen Armee unter der Führung von Radovan Karadzic und Ratko Mladic. Doch das niederländische Blauhelmcorps, bei dem Zehntausende Zuflucht suchten, überließ die Verzweifelten ihrem Schicksal.

Bis heute werden die Überreste von weiteren 10 000 Vätern, Söhnen, Brüdern und Ehemännern in den ungezählten und teils wohl noch unentdeckten Massengräbern der umliegenden Wälder gesucht, und bis heute ist die Identität tausender Toter ungeklärt.

Die Frauen von Srebrenica haben jahrelang mit den Behörden der Republica Srpska (RS), des serbischen Teilstaats in Bosnien-Herzegowina, um diesen Friedhof gekämpft. Sie wollten ihrer Toten dort gedenken, wo sie sie damals verloren. Die Armee der bosnischen Serben trennte alle Männer im wehrfähigen Alter, aber auch Greise und Kleinkinder von ihren Familien und schaffte sie fort.

Die Ungewissheit über das Schicksal der Deportierten lastete schwer auf den Frauen, die aus Srebrenica vertrieben wurden. Viele strandeten in Tuzla und gründeten dort Selbsthilfe-Initiativen. „Wahrheit und Gerechtigkeit” sind ihre zentralen Anliegen bis heute. Sie wollen, dass die Gräber gefunden, die Toten identifiziert und die Täter bestraft werden. Über die Vergewaltigungen, die sie erlitten haben, über die schweren seelischen Erkrankungen und die vielen Selbstmorde von Frauen sprechen sie wenig.

Die Toten erhalten ihren Namen zurück

In Hochregalen lagern tausende Leichensäcke, gefüllt mit Knochen, von denen niemand weiß, zu wem sie einmal gehörten. Die Internationale Kommission für vermisste Personen (ICMP) in Bosnien erforscht ihre Herkunft. Moderne DNA-Analysen dienen der Identifizierung. Das in Bosnien nach dem Krieg entwickelte Verfahren wird inzwischen weltweit eingesetzt, um Toten ihren Namen wiederzugeben, auch bei Katastrophen wie dem Tsunami und dem Hurrikan Katrina. „Die Angehörigen wollen Gewissheit haben, sie wollen ihre Toten begraben und endlich um sie trauern können”, sagt Cheryl Katzmarzyk, die in Lukavac das „Reassociation Center” der ICMP leitet. Ihre Aufgabe ist es, aus einzelnen Knochen – Schenkeln, Armen, Rippen, Kiefern, Schädeln – menschliche Skelette zusammenzufügen.

Angehörige geben ihre Blutproben ab

Während des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995 verscharrte die bosnisch-serbische Armee ihre Opfer in Massengräbern. Aus Angst vor Entdeckung hoben die Täter viele der Gräber selbst wieder aus und schafften die menschlichen Überreste an andere Orte. „Wir haben primäre, sekundäre und sogar tertiäre Massengräber”, erläutert die Wissenschaftlerin. Teile eines einzigen Skeletts können von vier oder fünf verschiedenen Fundstellen stammen. Die Arbeit in Lukavac ist eine Art Puzzle, das der Vorbereitung der DNA-Analysen dient.

Kleidungsstücke, die in den Gräbern gefunden wurden, reichten für eine sichere Feststellung der Identität nicht aus. Nach der langen Belagerung trugen viele der Opfer Jacken, Hosen und Schuhe aus internationalen Spenden, die in großer Zahl identische Textilien lieferten; mehrere Mütter erkannten oft ein und das gleiche Fundstuck als das wieder, das ihr vermisster Sohn getragen hatte.

Über 28 000 Vermisste

Die DNA-Untersuchung ermöglicht größere Gewissheit. Eltern und Geschwister, die sich auf der Suche nach einem Vermissten an die ICMP in Sarajevo wenden, geben dort ihre Blutprobe ab. Aus dem Gebiet des früheren Jugoslawien sowie aus dem europäischen Ausland, in das viele Menschen während der Kriegsjahre flüchteten, liegen den Labors 87 106 Blutproben vor, die 28 772 Vermisste betreffen. Sie werden mit den 29 403 DNA-Profilen abgeglichen, die aus den Knochen gewonnen wurden.

Stimmen die Erbgutuntersuchungen der Knochen zu mindestens 99,95 Prozent mit den DNA-Profilen der Blutproben überein, meldet die Kommission den Angehörigen die erfolgreiche Identifizierung. Erst dann erhalten die Hinterbliebenen einen Totenschein und können Rentenzahlungen beantragen.

580 Waisen in Srebrenica

Advija Ibrahimovic, die elf Jahre alt war, als sie im Krieg nach der Mutter auch ihren Vater verlor, erhielt auf diese Weise die Bestätigung vom Tod ihres Vaters. „Man hat seine Arme und seinen Brustkorb gefunden”, erzählt sie, die eine der 580 Waisen von Srebrenica ist. Um ihre Ausbildung sorgt sich eine Stiftung, die sich auch um die 6010 Kinder kümmerte, die in Srebrenica zu Halbwaisen wurden.

Viele Angehörige warten auf weitere Funde, ehe sie sich zur Beisetzung entschließen. „Wir schließen einen Fall nicht, solange noch Knochen fehlen”, sagt die Sprecherin der ICPM. Seit Beginn der Arbeit im Jahr 2000 hat die Kommission von den mehr als 28 000 Vermissten nahezu die Hälfte ermittelt. Wann die Arbeit beendet sein wird? „Das kann niemand sagen. Da gibt es keine Erfahrung, und wir erhalten von Flüchtlingen, die in den Ferien aus dem Ausland kommen, immer noch neue Vermisstenmeldungen.”

Die Wunden des Bosnien-Krieges schmerzen noch. 20 Jahre nach dem Dayton-Abkommen gilt die bittere Erkenntnis: Frieden braucht mehr als die Abwesenheit von Krieg. Die blutige Vergangenheit liegt noch nah für die Menschen in Bosnien-Herzegowina. Opfer und Täter begegnen einander im Alltag, auf der Straße, beim Einkaufen. „Verzeihen kann ich nicht, das werde ich nie können”, sagt eine der Mütter von Srebrenica, die vor 20 Jahren ihren Mann verlor. „Aber ich will auch nicht ein Leben lang hassen.”

In Bosnien-Herzegowina leben die drei Volksgruppen, die sich in den Balkankriegen erbittert bekämpften, unter einem Dach. Serben, Kroaten und Bosniaken suchen, wenn alles gut geht, eine gemeinsame Zukunft. Ihre Vergangenheit verdrängen sie.

Tunnel-Museum als Mahnmal

Verlassene Wohnhäuser, Einschusslöcher in Fassaden, Schilder, die vor Minen warnen: Vielerorts in Sarajevo und Umgebung begegnen einem Hinweise auf den Krieg, der vor 20 Jahren mit dem Abkommen von Dayton beendet wurde. Die Spuren werden nach und nach beseitigt. Die Opfer kämpfen um Gedenkstätten wie die für das Massaker von Srebrenica; vereinzelt erinnern Mahntafeln an die Schrecken. Das „Tunel-Museum“ in Sarajevo entstand in privater Initiative.

Ein enger, 800 Meter langer Tunnel stellte während der mehr als dreijährigen serbischen Belagerung der bosnischen Hauptstadt die einzige Verbindung zur Außenwelt dar. Heute erinnert ein kleines Museum an das Bauwerk, das 300 000 Menschen in Sarajevo das Überleben sicherte.

Edis Kolar ist mit Eifer bei der Sache, wenn Touristen sein Elternhaus besuchen. Die Hauswände von Einschusslöchern übersät, ein Holzverschlag vor dem Eingang, dahinter führt eine kleine Treppe in den Ausstellungsraum. Hier, wo Edis seine Kindheit verbracht hat, betreibt er heute das „Tunnel-Museum” – „ein Mahnmal dafür, dass das, was wir erlebt haben, nie wieder passiert”.

Die Grabung begann im Januar 1993. Von zwei Seiten her, von Butmir und Dobrinja, arbeiteten die Männer mit Schaufel und Spitzhacke unter der Erde einander entgegen, erst drei bis vier Stunden täglich, später in drei Schichten rund um die Uhr. Stolz berichtet Edis Kolar von dem Tag des Durchbruchs, von der Präzision des Treffens; bis heute überwältigt ihn die Freude über die Lebensader, die der Tunnel für seine hungernde Stadt bedeutete. Nahrungsmittel, Medikamente, jede Menge Waffen und Munition: „Alles, was passte, kam durch den Tunnel herein.” In der ersten Nacht wurden zwölf Tonnen militärischer Güter in die Stadt befördert.

Durchschnittlich einen Meter breit und 1,50 Meter hoch, ließ der Tunnel eine aufrechte Haltung nicht zu. Soldaten und Freiwillige, darunter viele Kinder, trugen auf dem Rücken oder mit bloßen Händen durch die Dunkelheit, was in Sarajevo ersehnt wurde. Sie verlegten Schienen und fertigten kleine Karren, die je 300 Kilogramm Lasten befördern konnten. Eine Pipeline ermöglichte den Transport von Treibstoff; für das zwölf Megawatt Starkstromkabel dankt Edis Kolar noch heute der deutschen Regierung.

4000 Menschen nutzten nach seiner Schilderung den Tunnel täglich. Zweimal trafen Granaten wartende Zivilisten am Tunneleingang. Ohne den Tunnel, davon ist Kolar überzeugt, wäre Sarajevo untergegangen. „Er bewahrte die Stadt vor der kompletten Belagerung durch die Serben. Er rettete 300 000 Menschen vor den serbischen Todeslagern.”

Erschienen auf Blog-der-Republik.de

Bildquelle: Wikipedia, Emir Kotromanić, CC BY-SA 3.0

UNO – zum Jubiläum in schlechter Verfassung

Blick auf die United Nations Plaza und das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York
Blick auf die United Nations Plaza und das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York

Die Vereinten Nationen feiern ihr 70-jähriges Bestehen, doch wirklich feierlich wird einem bei diesem Anlass nicht zumute. Die Weltorganisation zeigt sich zu ihrem Jubiläum in denkbar schlechter Verfassung. Das trübt den Blick auf die historische Errungenschaft.

Am 26. Juni 1945 unterzeichneten 50 Staaten in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen. Auf die Ziele und Prinzipien der Charta verpflichten sich alle Mitgliedsstaaten. „Wir, die Völker der Vereinten Nationen – fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,“ heißt es im ersten Satz, „haben beschlossen, in unserem Bemühen um die Erreichung dieser Ziele zusammenzuwirken.“

Nach zwei Weltkriegen und dem Scheitern des Völkerbundes stand die Verhinderung neuer Kriege im Vordergrund des Gründungsgedanken. Im ersten Kapitel der Charta sind als Ziele der weltumspannenden Zusammenarbeit genannt, den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren, Streitigkeiten friedlich zu schlichten, auf Gewaltanwendung zu verzichten sowie die Gleichheit und Souveränität aller Staaten zu achten.

Zugleich verpflichtet die Charta ihre Mitglieder zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten ungeachtet der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder Religion eines Menschen sowie darauf, die internationale Zusammenarbeit zu fördern, um wirtschaftliche, soziale, kulturelle und humanitäre Probleme zu lösen. Der Auftrag der Vereinten Nationen ist folglich allumfassend. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen Welten.

Die Geschichte der UNO ist auch eine Geschichte von Scheitern und Ohnmacht, Enttäuschung und Ernüchterung. Statt im Zentrum der Konfliktbewältigung steht sie abseits, an den Rand gedrängt von den mächtigen Staaten, die aus nationalem Eigennutz ausscheren, geschwächt durch die eigenen Strukturen, die längst nicht mehr zeitgemäß sind. Die Notwendigkeit grundlegender Reformen ist seit Jahrzehnten unstrittig. Vor 20 Jahren präsentierte die von Richard von Weizsäcker geleitete Kommission ihre Vorschläge. Sie fanden viel Beachtung, Zustimmung, Lob und verschwanden in der Schublade.

Die USA waren vor über 70 Jahren das erste Land, das die UN-Charta ratifizierte und den Vereinten Nationen ihren Sitz in New York anboten. Seither sind US-Präsidenten immer wieder als Bremser und Blockierer in Erscheinung getreten. Ein Großteil der mangelnden Handlungsfähigkeit der UNO ist ihrer Geringschätzung und Missachtung durch die Supermacht zuzuschreiben. Der völkerrechtswidrige Irakkrieg mit seinen verheerenden Auswirkungen bis heute bedeutete einen bitteren Rückschlag für die Prinzipien der Vereinten Nationen. Außerdem lähmt der Reformstau. Die Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat verweigern sich einer Modernisierung des Gremiums.

Die aktuell dramatische Folge: In einer internationalen Krisenlage, die vom Rückfall in die Kalte-Kriegs-Konfrontation geprägt ist, fällt das Herzstück der internationalen Sicherheitsarchitektur in eine Starre. Demokratisch nicht legitimierte, nicht transparente und unkontrollierte Treffen der G7, G8 oder G20 drängen in die Lücke. In den Kaminzimmern steht das Wohl der reichsten Nationen im Vordergrund. Sie reden viel von den globalen Problemen, tragen aber kaum zur Lösung bei.

Eine Weltinnenpolitik für Frieden, Gerechtigkeit und bessere Lebensverhältnisse ist von solchen Schattengremien nicht zu erwarten. Deshalb bleibt die Hoffnung auch nach sieben Jahrzehnten auf die Vereinten Nationen gerichtet. „Starke UNO. Bessere Welt.“ Das Motto, das die Vereinten Nationen ihrem Jubiläumsjahr gegeben haben, klingt in seiner Schlichtheit naiv. Doch für die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, vom Klimawandel und Hunger, Terrorismus und Staatenzerfall, bis hin zu Finanz- und Wirtschaftskrise, gibt es keine andere Lösung.

Erschienen auf  Blog der Republik 
Bildquelle: Wikipedia, Neptuul,  CC BY-SA 3.0

Schwerte – Vorwurf der Geschichtsvergessenheit

Streit um ehemaliges KZ-Außenlager hält an

Die breite Empörung traf Schwerte wie aus heiterem Himmel. Die westfälische Stadt im Kreis Unna will Flüchtlinge im ehemaligen Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald unterbringen. An die fatale Symbolkraft dieser Entscheidung hatte in der Stadtverwaltung wohl niemand auch nur einen Gedanken verschwendet.

Gedenkstätte an das Außenlager vom ehemaligen KZ-Buchenwald in Schwerte Ost
Gedenkstätte an das Außenlager vom ehemaligen KZ-Buchenwald in Schwerte Ost

Als „sachgemäß“ verteidigte Bürgermeister Heinrich Böckelühr (CDU) die Pläne vor Journalisten, die in ungewöhnlich großer Zahl zur Pressekonferenz gekommen waren. Schon die Wortwahl lässt darauf schließen, dass das Vorhaben im Rathaus bürokratisch routiniert gehandhabt wurde. Es fehlen Unterkünfte für Asylbewerber, und die Baracke steht leer. Da passen 21 Betten hinein. Fertig.

In das KZ-Außenlager pferchten die Nationalsozialisten 1944/45 rund 700 polnische Sklavenarbeiter. Sie mussten in einem Eisenbahnausbesserungswerk schuften. Die späte und langwierige Debatte über die Zwangsarbeiterentschädigung in den 1990er Jahren entriss die mehr als 130 Buchenwald-Außenlager dem Vergessen. Damals hatte Schwerte Vorbildcharakter. Die Stadt zählte zu den wenigen Ausnahmen, die das Geschehen schon gründlich aufgearbeitet hatten und mit einer Gedenkstätte daran erinnerten.

Maßgeblichen Anteil an der Unterschutzstellung des ehemaligen KZ-Außenlagers und der weithin anerkannten Aufarbeitung hatte der damalige Leiter des Kulturbüros in Schwerte, Herbert Hermes. Er hält die aktuellen Pläne der Stadt für „unglücklich“. Sie lassen das nötige Einfühlungsvermögen für die Menschen vermissen, die aus Verfolgungsgründen zu uns flüchten, sagt der Ruheständler im Gespräch mit dem Blog der Republik. Das Ansehen Schwertes habe bereits gelitten.

Dem Bürgermeister, der die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft auch mit Hinweis darauf verteidigt, dass die Baracke schon in früheren Jahren für andere Zwecke genutzt worden sei, widerspricht Hermes. „Das ist kein normales Grundstück“, sagt er, und ein städtischer Beschluss sei eben keine private Entscheidung. Die „historische Belastung“ des Geländes stelle „die Kernfrage“ dar. Und genau diese Frage haben die Verantwortlichen offenbar ignoriert – auch der Rat der Stadt. Mit Ausnahme der Linken stützen alle Fraktionen den Plan.

In einer gemeinsamen Erklärung betonen Stadtverwaltung und Stadtrat, das betreffende Gebäude sei erst in den 1950er Jahren errichtet worden und habe bereits einen Kindergarten, ein Künstleratelier und in den 1990er Jahren auch Balkanflüchtlinge beherbergt. Luftaufnahmen belegten, dass nach dem Krieg alle Gebäude des Außenlagers abgerissen worden seien, bis auf eine Wachbaracke. Die sei aber, anders als von den Kritikern zunächst angenommen, nicht als Flüchtlingsunterkunft vorgesehen. Der Appell von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) an die Stadt Schwerte, von dem Vorhaben abzusehen, ging wohl daher ins Leere.

Zugleich entfällt damit die mögliche, in Schwerte auch gar nicht offensiv vorgetragene Lesart, dass die Hinterlassenschaften der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft 70 Jahre nach Kriegsende noch einem sinnvollen humanen Zweck dienen sollen.

Flüchtlinge in Schwerte könnten in ein altes, leerstehendes Rathaus.

Das Schwerter Beispiel zeigt die Überforderung vieler Städte, Flüchtlinge angemessen unterzubringen, auf besonders krasse Weise. Weil geeigneter Wohnraum fehlt, werden verfallene Gebäude, Container oder Zelte genutzt, die weder ein würdevolles Leben, noch eine Integration der Menschen ermöglichen. Doch ausgerechnet in Schwerte gebe es geeignete Alternativen, sagt Herbert Hermes. „Ein ganzes ehemaliges Rathaus steht leer.“ Diese Variante sei bisher jedoch nicht einmal öffentlich diskutiert worden. Unter dem Aspekt erhalten die Worte von Bürgermeister Böckelühr, die aus der Pressekonferenz zitiert wurden, einen beinahe zynischen Beiklang. „70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagte der Christdemokrat, „dürfen nicht alle Gebäude tabu sein.“

Hermes hadert mit der Geschichtsvergessenheit der „neuen Generation“ im Rathaus seiner Stadt. Sie habe ein Erbe angetreten, sagt er mit Verweis auf die Beschlüsse von Ende der 1980er Jahre, die das ehemalige KZ-Außenlager als Mahn- und Gedenkort erhalten sollten: „Der Geist dieser Beschlüsse muss weiterleben.“

Bildquelle: Wikipedia, Helfmann – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Original-Beitrag: http://www.blog-der-republik.de/fluechtlinge-in-schwerte-koennten-in-ein-altes-leerstehendes-rathaus-streit-um-ehemaliges-kz-aussenlage-haelt-an-vorwurf-der-geschichtsvergessenheit/

Wunder der Weihnacht: Zwischen den Schützengräben war plötzlich Frieden

Evang. Gemeindehaus Hombruch im Dezember 1914
Evang. Gemeindehaus Hombruch im Dezember 1914

Wunder der Weihnacht: Auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs ereignete sich vor hundert Jahren wirklich Wundersames: Die feindlichen Soldaten ließen die Waffen schweigen – ohne offizielle Waffenruhe und gegen den erklärten Willen ihrer Kommandeure. Ungehorsam im Geiste einer höheren Macht. Brüderlichkeit über die Schützengräben hinweg.

Das Geschehen von 1914 fasziniert Europa bis heute. Mit Beginn der Adventszeit wird der Wunsch nach Frieden auf Erden sehnlicher. Doch in den Dutzenden bewaffneten Konflikten unserer Tage stellt sich kein Weihnachtsfrieden mehr ein. Die Mechanisierung des todbringenden Geschehens, die Automatisierung des Vernichtens lässt keine Atempause zu, kein Innehalten, kein Ergriffensein.

Deutsche und britische Soldaten erinnern in dieser Adventszeit an die denkwürdigen Szenen, die aus dem Kriegswinter 1914 berichtet werden. Sie tragen im englischen Aldershot ein Fußballspiel gegeneinander aus, so wie es die feindlichen Soldaten vor hundert Jahren an der Westfront taten. Wenn heute vom „Weihnachtsfrieden“ die Rede ist, dann gilt das der profanen Praxis der Behörden, in der Weihnachtszeit keine unangenehmen Bescheide zu verschicken.

An den Ursprung des Weihnachtsfriedens erinnerte die Volkskundlerin und Museumsleiterin Dr. Christine Schönebeck in Gladbeck. Sie führt das Gelingen des Wundersamen auf das Zusammentreffen der Weihnachtsseligkeit auf der einen Seite und des Fairplay auf der anderen zurück.

Knapp vier Monate nach Kriegsbeginn schlägt die Begeisterung in Depression um. Nach der verlustreichen Schlacht bei Langemarck in Belgien geht die gesamte Westfront zum Stellungskrieg über. Schönebeck illustriert, was das bedeutet: „Stillstand, Eingraben in den Matsch des Spätherbstes, Schützengräben anlegen, in den Stellungen wohnen, irgendwie, die Ernährung ist schlecht, es ist kalt. Stacheldraht. Gewehr. Bajonett, Handgranaten…“ Sie berichtet von den jungen Männern, die freiwillig in den Krieg gezogen sind. Die Geschichte des Gladbecker Gymnasiasten Franz Küster kennt sie aus dessen Briefen aus dem Feld. Er beendet die Schule vorzeitig, für eine gerechte Sache, wie er dachte, für Deutschland als Kulturnation, „mit Gott“ fühlte er sich „für König und Vaterland“. Die Ernüchterung folgt rasch. Weihnachten würden die Soldaten, anders als ihnen zugesagt war, nicht zu Hause sein.

Sie tauschen Geschenke aus und schießen nicht

„Weihnachten 1914 verlassen die verfeindeten Soldaten ihre Stellungen, singen gemeinsam Lieder, tauschen Geschenke aus und schießen nicht mehr.“ Schönebeck spricht von einer schönen Geschichte, „fast zu schön um wahr zu sein“. Im wissenschaftlichen Rückblick sei sie auch eine Geschichte des europäischen Zusammenwachsens, „der europäischen Identitätsfindung“.

Mit Zitaten aus Weihnachts- und Adventsliedern unterstreicht die Wissenschaftlerin das Ungeheuerliche der Situation. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, Es kommt der Herr der Herrlichkeit, Ein König aller Königreich“ oder „Oh wohl dem Land, oh wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat“ – „Ein anderer König wundergleich“: Die Erwartung im Advent richtet sich auf ein anders Reich, einen anderen König, ein anderes Heer.

„Das ist Sprengstoff“, erläutert Christine Schönebeck. „Weihnachten gefährdet die Kampfbereitschaft. Das Warten auf Weihnachten schürt die Friedenssehnsucht.“ Die Soldaten sind müde, sie frieren und sie erinnern sich: „Wisst ihr noch wie voriges Jahr, es am Heiligen Abend war?“ Zu Hause in den Familien, die nun ihre Söhne und Väter vermissen, ihre Onkel und Neffen. Trostlos. Aus Weihnachten wird Kriegsweihnachten. Bei den Weihnachtsfeiern der Vereine daheim fehlen die Männer. Die Frauen packen gemeinsam Päckchen. Sie stricken Socken und basteln und sie verschicken kleine Weihnachtsbäume.

Es kommt zu Verbrüderungen

In die Schützengräben sollten keine Tannenbäume mitgenommen werden, doch die deutschen Soldaten halten sich nicht daran. Verbrüderungen unter den Kriegsgegnern sind untersagt, und doch kommt es genau dazu unter Deutschen, Franzosen, Belgiern und Briten. „Auf allen Seiten war man müde, die Männer froren, sie hatten Heimweh, wenig zu essen, die Schützengräben waren voll Schlamm, Ratten überall.“

Christine Schönebeck beschreibt die Umstände. „Man konnte den Gegner hören, so nahe war man aufeinander gerückt. Zwischen den Stellungen lagen die Toten, man wollte sie beerdigen.“ Sie zitiert aus einer Ansprache des Kavallerie-Kommandeurs Hermann Binding an seine Reiter: “Deutsche Art ist es, Weihnacht zu feiern! Keiner unserer Feinde kennt den Zauber, die Macht des Lichterbaumes auf unser Gemüt, auf unsere Kraft.“ Und weiter: „Mit dieser Gewissheit wird unser heutiges Kriegsweihnachtsfest nicht zu einer Sentimentalität werden, nicht eine Hingabe an wehmütige Gedanken, sondern zu einem Symbol und sichtbaren Zeichen ungeheurer Gemeinsamkeit in unserer deutschen Art.“

Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es vor allem zwei Gründe für den Weihnachtsfrieden 1914: die englische Mentalität des Fairplay und die deutsche Weihnachtsseligkeit. „Nicht schießen, wir schießen auch nicht.“ So einfach kann Verständigung sein. An einigen Frontabschnitten werden endlich die Toten geborgen, die schon so lange im Niemandsland liegen.

Sie sangen Weihnachtlieder

Britische und französische Quellen unterstützen die Annahmen. Ein französischer Offizier schrieb für die Gegend nördlich von Ypern: „Überall an der deutschen Front leuchteten Christbäume auf. Die Deutschen begannen Weihnachtslieder zu singen. Ich blickte mich in unseren Stellungen um. Alle standen aufrecht und waren hellwach, und schließlich stiegen sie auf die Brustwehr. Einige hatten den Graben verlassen und liefen ins Niemandsland, um den unerwarteten Gesang besser hören zu können. Keiner hatte Angst, keiner war zum Scherzen aufgelegt. Vielmehr sah ich in den Gesichtern der neben mir stehenden Soldaten ein Gefühl von Ergriffenheit. Nichts wäre leichter, als die Szene mit einer einzigen Salve zu beenden. Doch wir hätten es nicht fertiggebracht, auf diese betenden deutschen Soldaten zu schießen.“

Ein britischer Soldat schrieb: „Was für ein Tag. Wir tranken von ihrem Schnaps, von unserem Rum. Wir aßen gemeinsam, zeigten uns Fotos unserer Familien, lachten viel. Von irgendwo tauchte ein Fußball auf, und sie begannen zu kicken, zwischen den Schützengräben, mit Mützen als Toren.“ Und ein britischer Offizier erinnerte sich: „Sie krochen aus ihren Schützengräben und liefen herum, mit Zigarettenkisten und Wünschen für ein fröhliches Weihnachtsfest. Was sollten unsere Männer denn tun? Etwa schießen? Man kann doch nicht auf waffenlose Männer schießen.“

Die Deutschen stellten ihre Tannenbäume auf

Die bekannteste Geschichte geht so: Die Deutschen stellten ihre Tannenbäume hoch auf die Brustwehren, kleine Laternen mit Lichtern waren daran aufgehängt. In den gegenüberliegenden Stellungen wurde es still. Da sangen die Deutschen „Stille Nacht“. Die Briten erwiderten „O come all ye faithful (Herbei o ihr Gläubigen)“. Deutsche Soldaten verließen den Schützengraben, englische folgten ihrem Beispiel, ein gemeinsamer Gottesdienst wurde gefeiert, Geschenke wurden ausgetauscht und am Schluss wurde Fußball gespielt.

In einer britischen Quelle heißt es: „Soldaten von beiden Seiten kamen aus ihren Löchern heraus, um ihre Beine auszustrecken und dann im Niemandsland zwischen den Schützengräben zu fraternisieren – eine angenehme Situation, die dann in unserem Frontabschnitt etwa zehn Tage dauerte.“ Erinnerungsstücke wurden ausgetauscht, Knöpfe, Abzeichen, Zigarren. „Das am meisten geschätzte Andenken war die berühmte Pickelhaube.“

Für die Opfer ein würdiges Andenken

Grundsteinlegung für Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Weißrussland
Grundsteinlegung für Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Weißrussland

Minsk. Die Kulisse war malerisch. Soweit das Auge reicht ein weites Feld, beschienen von der frühen Juni-Sonne, umrahmt von Bäumen, begrenzt von einer Hauptverkehrsstraße, die vorübergehend komplett gesperrt war. Für den Auftritt des weißrussischen Präsidenten stand alles parat: das Rednerpult, Fahnenträger, Bläser, Sängerinnen und ein Publikum, das geduldig volle zwei Stunden auf Alexander Lukaschenko wartete.

Die eigens errichtete Zuschauertribüne füllte sich rasch; diszipliniert nahmen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, Pioniere, Studenten, Schulkinder aus der näheren Umgebung und Angehörige verschiedener Armeeeinheiten ihre Plätze ein; hinzu kamen die 400 Teilnehmer der IBB-Konferenz, darunter 120, die aus Deutschland angereist waren.

Trotz der eilig herangeschafften zusätzlichen blauen Plastikstühle, harrten viele Gäste stehend aus. Während der Wartezeit auf das Eintreffen des Staatschefs verfolgten sie, wie vom sorgsam ausgebreiteten roten Teppich immer wieder herbei wehende Blütenblätter gefegt wurden, wie Chor und Bläser Aufstellung nahmen, den Soldaten die Uniformkragen gerichtet, Kameras und Mikrofone in Position gebracht wurden.

Stramm stand am Rande ein Soldat, der die schwere Tafel trug, die Lukaschenko an diesem Tag in den vorbereiteten Stein einlassen wird. Es ist der Grundstein für die erste zentrale Gedenkstätte, die Weißrussland den Opfern des Nationalsozialismus errichtet – 70 Jahre nach der Befreiung des Landes vom Hitler-Faschismus und 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

„Von 1941 bis 1944 befand sich hier das Vernichtungslager, wo von nationalsozialistischen Massenmördern grausame Verbrechen gegen die Menschheit begangen wurden“, heißt es in der in eine Kapsel eingelassenen Botschaft an kommende Generationen. „Hunderttausende Bürger aus der Sowjetunion und den europäischen Staaten wurden zu Tode gequält, erschossen und verbrannt.“ Der minutiös geplante Festakt ist rasch vorüber. In weniger als einer halben Stunde sprechen Lukaschenko sowie der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Lauder, und die 16-jährige Enkelin eines Ermordeten, ertönen kurze Gesänge und Fanfaren, verneigen sich der Staatschef und sein zwölfjähriger Sohn vor den Opfern. Im Fortgehen wendet sich Lukaschenko einigen der Veteranen zu. Momente später ist die provisorische Tribüne leer, sind die Utensilien eingeräumt, auf der Straße fließt der Verkehr wieder normal.

Die bestellten Gäste zerstreuen sich; doch die Teilnehmer der IBB-Tagung machen sich auf nach Blagowschtschina. Mit sechs großen Reisebussen gelangen sie zu dem Ort, den sie vor dem Vergessen bewahren wollen. Einige hundert Meter legen sie noch zu Fuß zurück, bis sie in dem Waldstück eine kleine Gedenkstätte erreichen.

Dort an der Weggabelung beten sie gemeinsam, über Konfessionen und Nationalitäten hinweg, gedenken gemeinsam der Toten, legen Kränze und Blumen nieder. Gemeinsam, Nachkommen der Täter und der Opfer. Im Hintergrund hängen gelbe Zettel an den Baumstämmen. Sie tragen Namen der Ermordeten, geben Auskunft über ihr Schicksal, manchen auch mit Fotografien ein Gesicht. Tiefe Traurigkeit erfüllt den Ort, Tränen trocknen durch Worte des Trosts. An diesem Tag wächst die Zuversicht, dass die Opfer nach sieben Jahrzehnten schließlich doch ein würdiges Andenken finden.