Zur Debatte des Rates über die beantragte Umbenennung des Dr.-Fritz-Textor-Ringes

Ein Redebeitrag in der Ratssitzung am 29. Januar

Wir haben soeben den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begangen. Wir haben der Opfer des Nazi-Regimes gedacht, der vielen Millionen Menschen, die aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Auch hier bei uns.

Wir haben ihrer in dem Bewusstsein gedacht, dass wir uns unserer Geschichte stellen müssen, wenn wir die Zukunft gewinnen wollen. Wir dürfen nichts leugnen oder vertuschen, nichts umdeuten oder verharmlosen. Das ist inzwischen guter Konsens der Demokraten.

Und diese Gemeinsamkeit der Demokraten, meine Damen und Herren, hoffe und wünsche ich mir auch heute. Wir haben Anlass, uns der Verantwortung vor der Geschichte zu stellen. Sehen wir doch tagtäglich, auch hier bei uns, dass der gefährliche braune Geist nicht überwunden ist, dass Rattenfänger mit Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Fremdenhass ungeniert ihr Unwesen treiben.

Die aktuelle Diskussion über den Dr.-Fritz-Textor-Ring ist anfangs in einer Schieflage geführt worden. Die behauptete Denunziation lässt sich dem Gutachter Pfeil zufolge nicht belegen. Die entsprechende Darstellung in der Zeitung ist nicht haltbar. Das ist ein Ärgernis, aber beileibe kein Grund einfach Schwamm drüber zu sagen.

Die Fakten, auf die wir heute im Zusammenhang mit Textor zurückgreifen können, sind exakt die gleichen, auf deren Grundlage die Sozialdemokraten vor mehr als 65 Jahren gegen Textor entschieden haben: Er war Mitglied der NSDAP und der SA, er war nicht nur Mitläufer, sondern hat aktiv im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gewirkt. Seine Reinwaschung im Entnazifizierungsverfahren war den Sozialdemokraten schon damals nicht glaubwürdig. Sie ist es umso weniger heute, da die Aufarbeitung fortgeschritten ist.

Ich begrüße ausdrücklich die Initiative der Grünen und ich stelle fest: Das Gutachten von Professor Pfeil bekräftigt den Wissensstand von Ende der 1940er Jahre. Es bestätigt die Einschätzung der sozialdemokratischen Zeitgenossen, dass Textor als Bürgermeister nicht tragbar ist. Eine „Entlastung“ Textors, die durch etwaige Äußerungen von Irrtums-, Fehlereinsicht oder Reue getragen sein könnte, bietet das Gutachten nicht. Auch fehlt jede überzeugende Darstellung von Verdiensten in der Nachkriegszeit, die Textor als Umkehr oder tätige Reue zugute zu halten wären. Die aufrechte Haltung der SPD von damals hat daher bis heute unverändert Bestand.

Nach meiner Überzeugung eignet sich dieses Thema nicht für ein irgendwie geartetes politisches Taktieren, und es ist beileibe nicht nur für die Anwohner des Textor-Rings von Bedeutung, sondern für alle Ennepetaler gleichermaßen.

Der Ratsbeschluss, die Ennepetaler Bürgermeister in Form von Straßennamen zu würdigen, fiel für eine Gruppe von Persönlichkeiten. Aus der ragte niemand hervor, und wenn wir heute auch wissen, man hätte bei Textor genauer hinsehen sollen, so bleibt doch aus dem damaligen kollektiven und pauschalen Vorgehen erklärlich, dass das nicht geschah. Heute aber wissen wir es besser, und deshalb wäre es unverzeihlich, den Fehler nicht zu korrigieren. Er verhöhnt die Opfer des Nazi-Regimes, setzt uns Spott und Kritik von außen aus, und er beschwert uns als Einwohner von Ennepetal. Ich bitte Sie um eine Selbstverständlichkeit: In unserer Stadt soll keinem Nationalsozialisten eine solche Ehre zuteil werden.