Nico hat ADS – Ein Erfahrungsbericht aus Witten-Herdecke

BDR_Michaela_KuhlmannMitten in die Praxis einer ADS-Therapie in Deutschland führte der Vortrag von Michaela Kuhlmann aus Gevelsberg. Sie arbeitet als Grundschullehrerin und Therapeutin am Gemeinschaftskrankenhaus Witten-Herdecke.

Nico hat ADS. Seit Dezember 2012 hat er nicht mehr die Schule besucht, seit Anfang Juli 2013 ist er Schüler von Michaela Kuhlmann. Er ist inzwischen in einem Heim untergebracht. Sein Zustand hat sich signifikant verbessert. „Warum arbeitet Nico hier gut?“ fragt die Therapeutin und erläutert die für die ADS-Behandlung notwendigen Therapie-Bausteine des IAP-Konzepts.

Die Therapie-Bausteine des IAP-Konzepts

Dieses IntraActPlus-Konzept ist ein verhaltenstherapeutisch orientierter Ansatz, der bei Kindern und Jugendlichen mit Lern- und Leistungsstörungen (z.B. mangelnde Konzentrationsfähigkeit,  Ausdauer, fehlende Anstrengungsbereitschaft und/oder Motivation), Lese-Rechtschreibschwierigkeiten, Rechenschwierigkeiten, Aufmerk­samkeitsstörungen  ( z.B. ADHS / ADS), aggressivem Verhalten, sozialen Unsicherheiten und ängstlichem Verhalten eingesetzt wird. Vergessen Sie nicht, in diese Website zu schauen, um zusätzliche Informationen zu finden. Zielsetzung der Behandlung nach IAP sind Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und Lernmotivation, Aufbau von effektiven Lernstrategien, Automatisierung von Lerninhalten, Verbesserung der Interaktion in Alltagssituationen, Verbesserung der Beziehungsfähigkeit, Stärkung des Selbstbewusstseins und positives, sicheres Auftreten in Gruppensituationen.

Gutes Material ist laut Michaela Kuhlmann eine Voraussetzung für einen Therapieerfolg. Nichts Überflüssiges wird vermittelt, jede Überforderung des Schülers muss vermieden werden, es geht Schritt für Schritt voran. Der Schüler soll ein gutes Gefühl beim Lernen bekommen, wichtig sind Fremd- und Eigenlob für die erbrachten Anstrengungen.

„Aufmerksamkeitsstörungen  können viele Ursachen haben“, sagt Michaela Kuhlmann. Gegenstand ihres Istanbuler Referats ist die „größte Untergruppe aller Aufmerksamkeitsstörungen“, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Es tritt in zwei Erscheinungsformen auf: mit Hyperaktivität oder ohne. Im zweiten Fall wirken die Betroffenen oft müde und leiden häufig an einem zu geringem Antrieb. Hyperaktive Kinder fallen sofort auf. Müdigkeit und Antriebslosigkeit sind unauffälliger und stören deshalb weniger.

ADS wird durch zwei Größen bestimmt

Zwei Hauptsymptome haben sie gemeinsam: Schwierigkeiten im Bereich der Daueraufmerksamkeit – besonders dann, wenn die Tätigkeiten wenig motivierend sind. ADS ist immer mit zu niedrigem allgemeinem Aktivierungsniveau verbunden. ADS wird durch zwei Größen bestimmt: durch das Zusammenwirken von  genetischer Besonderheit/Vererbung und durch eine gelernte Eigensteuerung.

Bei mittlerer Aktivierung ist die  Lern- und Leistungsfähigkeit am höchsten, die Intelligenz ist dann am besten nutzbar. Kuhlmann: „Wir fühlen uns nur gut, wenn wir für eine bestimmte Situation ein passendes  Aktivierungsniveau abrufen können.“ Bei niedriger bzw. hoher Aktivierung ist eine deutliche Verminderung der Lern- und Leistungsfähigkeit zu beobachten. Dies geht immer auch einher mit einem schlechteren, negativen Gefühl, mit Langeweile, innerer Leere, Anspannung. Die Konzentration ist deutlich schlechter, das Kind arbeitet langsamer und begreift schlechter. Die Fehler nehmen zu, die Merkfähigkeit ist herabgesetzt. Auch das hat die Therapeutin Michaela Kuhlmann bei ihrer Tätigkeit festgestellt: „Meistens wird der Gesichtsausdruck starrer und ausdrucksloser, die Schultern hängen. Gesichtsausdruck, Körperhaltung, feine und grobe Bewegungen sowie Blutdruckmessungen geben die entscheidenden Hinweise darauf, ob ein Kind über- oder unteraktiviert ist.“

Der Belohnungs- und Bestrafungsmechanismus

„Die Betroffenen mit Hyperaktivität versuchen ständig – im Sinne einer Eigentherapie – ihr Aktivierungsniveau mit Hilfe hyperaktiven Verhaltens zu erhöhen. Dabei schießen sie immer wieder über ihr optimales Aktivierungsniveau hinaus, um anschließend wieder auf ein zu niedriges Aktivierungsniveau zurückzufallen. Konzentriert sich die betroffene Person sehr, erhält sie aufgrund der hohen Konzentration über sie Situation oder die Aufgabe eine bessere Stimulation.“

„Das niedrige Aktivierungsniveau beim ADS kann beim Patienten zur Ursache für ungünstiges Verhalten werden: Ist das Aktivierungsniveau niedrig, entsteht ein ungutes Gefühl, das bewusst oder unbewusst als Bestrafung empfunden wird. Steigt hingegen das Aktivierungsniveau, wirkt dies wie eine Belohnung, denn etwas Unangenehmes fällt weg.“

„Daraus entwickelt sich ein stark steuernder Belohnungs- und Bestrafungsmechanismus, ein Handlungszwang. Lerntheoretisch gesehen steckt ein Kind mit einem ADS hier in der Falle.

Es entsteht oft suchtartiges Verlangen nach problematischem Verhalten, weil dieses unmittelbar im ,Sekundenfenster’ das Aktivierungsniveau anhebt. Das wiederum verbessert kurzfristig die Situation des Kindes, führt jedoch langfristig zu einer Zunahme der Schwierigkeiten.“

Ein Problem ist die geringe Daueraufmerksamkeit der Patienten, hat Michaela Kuhlmann erkannt. Sie ist am stärksten eingeschränkt bei nicht motivierenden Tätigkeiten und dann, wenn das Aktivierungsniveau zu gering ist. Die Aufmerksamkeitsfähigkeit wird aber auch von Automatisierungsprozessen beeinflusst. Das bedeutet: „Jedes ungünstige Verhalten stellt immer auch ein Training des ungünstigen Verhaltens und der dazu gehörigen Eigensteuerung dar. Mangelnde Konzentration trainiert mangelnde Konzentration. Ein Lerninhalt, eine Situation oder eine Person können nur dann eine optimale Stimulation bewirken, wenn sie mit hoher Konzentration wahrgenommen werden.“

Was Michaela Kuhlmann hier beschreibt, wirkt wie ein Teufelskreis: „Mangelnde Konzentration führt zu einer mangelnden Stimulation. Mangelnde Stimulation führt zu einer mangelnden Konzentration. Ein normaler Erziehungsstil kann solche Prozesse nicht ausreichend unterbrechen.“

Genetische Besonderheit und gelernte Eigensteuerung

ADS wird durch zwei Größen bestimmt: durch die genetische Besonderheit, die Vererbung, und durch eine gelernte Eigensteuerung. Unser Verhalten werde durch unsere Eigensteuerung gelenkt, sagt Kuhlmann; Bereiche der Eigensteuerung sind z. B. Ziele und gedankliche Selbststeuerungen.

Die Symptome, die sich aus der genetischen Besonderheit ergeben, werden durch die gelernte Eigensteuerung entweder verschlechtert oder verbessert: „Die macht Kinder entweder ,pflegeleicht’ oder ,anstrengend’.“ Die Erfahrung zeige: „Die gelernte Eigensteuerung ist in den meisten Fällen bedeutsamer als der Einfluss der genetischen Besonderheit.“ Dies sei auch eine mögliche Erklärung für das vermehrte Auftreten von ADS in der heutigen Zeit.

Effektive Therapien und Veränderungsmaßnahmen haben zum Ziel, eine hoch automatisierte positive Eigensteuerung aufzubauen, hat Michaela Kuhlmann festgestellt: „Motivation und Eigensteuerung beeinflussen die Aufmerksamkeitsleistung und das Aktivierungsniveau in extremer Weise. Die Erfahrungen zeigen: Ein schwach oder mittelstark erniedrigtes Aktivierungsniveau kann durch eine hohe Motivation ausgeglichen werden.“

Erziehung und Training

Wichtig sind nach Kuhlmann Erfahrungen in Witten-Herdecke positive Beziehungen, kleine Schritte, überschaubare Verhaltenseinheiten, arbeiten in „Zeitfenstern“, Punkteprogramme, „Feedback im Sekundenfenster“ und sehr früher Beginn der Hilfsmaßnahmen.

Wenn möglich sollte mit einem systematischen Arbeiten bereits im ersten, spätestens im zweiten Lebensjahr begonnen werden.

Michaela Kuhlmann fasst zusammen:

  • Kinder mit ADS brauchen mehr Lob und mehr Aufmerksamkeit als andere.
  • Sie haben es schwerer.
  • Deswegen müssen sie auch eine stärkere Eigensteuerung aufbauen als andere.
  • Wenn ein Training alleine nicht weiterhilft, kann eine medikamentöse Behandlung ein Geschenk sein.

Wann sollte eine Behandlung eines ADS beginnen?

Im Zusammenhang mit einem ADS entstehen oft Sekundärschäden. Bereits mit fünf oder sechs Jahren können die Sekundärstörungen oft ein größeres Problem sein als das eigentliche ADS selbst.

Von einem ADS Betroffene profitieren in hohem Maße von frühzeitigen Maßnahmen, die verhindern, dass eine ungünstige Eigensteuerung und ungünstiges Verhalten entstehen. Die betroffenen Kinder und ihre Bezugspersonen sollten möglichst aber bereits ab dem ersten Lebensjahr Hilfestellung erhalten.