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Erstes Deutsch-Türkisches Sozialforum in Istanbul – Tabu-Krankheiten ADS und ADHS

Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund veranstaltete das erste Deutsch-Türkische Sozialforum in Istanbul. Thema der Tagung im November 2013 war das Aufmerksamkeitsdefizit bei Kindern.

Meine Berichte aus Istanbul:

„Das Kind ist nicht schuld daran“

Michaela Kuhlmann zieht die Zuhörer in ihren Bann. Die ruhige, ausgeglichene Frau sitzt auf dem Podium im „Engelliler Sarayi“, dem – wörtlich übersetzt – „Behindertenpalast“ im Istanbuler Stadtteil Bagcilar. Sie stellt den 250 Teilnehmern des ersten Deutsch-Türkischen Sozialforums „Inklusion International“ das „IntraActPlus-Konzept“ vor, nach dem sie am Gemeinschaftskrankenhaus Witten-Herdecke mit ihren Patienten arbeitet.

Es sind Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen wie ADS oder ADHS, Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS), Dyskalkulie. Videoaufnahmen veranschaulichen die Arbeit der  Gevelsbergerin, so dass Lehrer, Therapeuten und Psychologen im Publikum eine klare Vorstellung von den Möglichkeiten bekommen, wie mit kleinen, geduldigen Schritten, mit Lob und Achtsamkeit zu helfen ist.

Videoaufnahmen von Nico und Luise zum Beispiel verdeutlichten sowohl die Defizite der kleinen Patienten als auch die Lernerfolge. Die verhaltenstherapeutische Methode dient der oft schwierigen Diagnose und der Therapie gleichermaßen. Kurze Lernphasen, viele Pausen, kräftiges Lob und klare Grenzsetzung gehören zu dem Konzept, das auf eine Automatisierung von Verhaltensweisen setzt. „Erst dann wird Raum für kreatives Denken frei“, betont Michaela Kuhlmann.

Gevelsbergerin beeindruckt Fachpublikum

Die Grundschullehrerin bildet sich seit Jahren fort. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und bietet im Nebenberuf das videogestützte Lerntraining an. Der Impuls zur Fortbildung ging aus dem Schulalltag hervor. Zunehmend bekommen es Lehrer dort mit auffälligen Kindern zu tun. Oft stehen die Pädagogen dem hilflos gegenüber, nehmen die Problematik in erster Linie als zusätzliche Belastung in ihrem ohnehin dichten Berufsstress wahr.

Michaela Kuhlmann ließ das nicht auf sich beruhen. Sie belegte ein erstes Wochenendseminar. Ihre Motivation wuchs mit jedem weiteren. Sie nahm Anzeichen für die oftmals unbeachteten Erkrankungen aufmerksamer wahr, sah Symptome auch bei Menschen im eigenen privaten Umfeld. Im Berufsalltag entdeckte die Lehrerin, dass nicht nur die erkrankten Kinder in ihrem Unterricht, sondern auch die gesunden von ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten profitieren. Ganzheitlich geht sie die Sache an. Mitschüler und Familienangehörige werden einbezogen. Das Fachpublikum in Istanbul ist beeindruckt.

„Wo weggesehen wird, sind die Chancen auf Hilfe gering“

Den höchsten Prominenzbonus hatte Professorin Dr. Sabiha Paktuna Keskin auf dem Podium inne. Die in der Türkei bekannte und durch das dortige Fernsehen sehr populäre Psychologin war nach dem Tod eines dreieinhalbjährigen Patienten just zum Zeitpunkt der Tagung in die Schlagzeilen geraten. Sie wirkte ohne Zweifel als Publikumsmagnet, enttäuschte aber mit ihrem Beitrag.

Grob vereinfacht vertrat sie die These, dass sich Aufmerksamkeitsstö­rungen „auswachsen“ und dass nicht alles, was als ADS diagnostiziert werde, auch tatsächlich ein Aufmerksamkeitsdefizit sei. Sie hinterfragte die Grenzziehung zwischen dem Normalen und dem Unnormalen und verdeutlichte, dass diese Grenze einer gesellschaftlichen Prägung unterliege. Das führe einerseits dazu, dass auch Impulsivität und Lebhaftigkeit in unserer Zeit als Hyperaktivität gewertet würden. Andererseits fehle es oft an Aufmerksamkeit für die Erkrankung und: „Wo weggesehen wird, sind die Chancen auf Hilfe gering.“

Auf 50 bis 70 Prozent beziffert die Professorin die Chancen, dass erkrankte Kinder bis ins Erwachsenenalter gesunden. Das Risiko zu erkranken sei für Jungen dreimal höher als für Mädchen. Allerdings gleiche sich das Verhältnis nach der Pubertät an. Dann seien ebenso viele Mädchen wie Jungen betroffen. Auch diese Beobachtung wurde unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Wahrnehmung diskutiert. Da die geschlechtsspezifischen Rollenmuster verschieden sind, werde abweichendes Verhalten entsprechend unterschiedlich wahrgenommen.

Erkenntnisse aus Forschung und Praxis

Für die interkulturellen Aspekte der Tagung waren solche Debatten von zentraler Bedeutung. Wissenschaftlerinnen aus der Türkei und Deutschland stellten ihre Erkenntnisse aus Forschung und Praxis vor, Praktiker beschrieben ihre Schwierigkeiten zum Beispiel im Schulalltag oder bei der Diagnose und Therapie, die Fachleute aus Deutschland waren besonders interessiert, Hinweise für ihre Berufspraxis zu bekommen.

Aus türkischer Sicht wurde deutlich, dass diese Krankheiten oft mit einem Tabu behaftet sind oder schlicht ignoriert werden. Eindringlich warb Özlem Töker aus Istanbul in ihrem Vortrag für einen Erziehungsstil, der Kindern Geborgenheit und Sicherheit gebe. Reaktionen der Mutter spiegelten dem Kind sein Verhalten. Auf diese Weise lerne es, seine Gefühle zu regulieren. „Wenn die Mutter selbst in Ohnmacht fällt, wenn ihr Kind beim Laufenlernen mal stürzt“, so die Referentin, sei das schädlich. „Die Mutter muss das Kind beruhigen und trösten.“

Die Ärztin Dr. R. Hülya Bingöl Caglayan, die an der Ruhr-Universität in Bochum lehrte, ehe sie nach Istanbul zurückkehrte, unterstrich, dass es sich bei ADS und ADHS um eine Störung des Gehirns handele und betonte, dass niemand Schuld sei. „Das Kind ist nicht schuld daran“, fasste Hildegard Azimi-Boedecker vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund zusammen. „Und auch die Eltern sind es nicht.“

Diese Botschaft kann offenbar gar nicht laut genug verkündet werden. Denn die Delegation aus Deutschland, die im Vorfeld der Tagung mehrere Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Metropole besuchte, erfuhr immer wieder, dass diese Krankheiten stark Scham besetzt sind. Darin liegt ein Grund, dass viele Kinder in der Türkei ohne Hilfe bleiben. Das kann auch erklären, warum sie oftmals in Deutschland nicht behandelt werden.

„Ich mag dich so, wie du bist“

Zu den gesellschaftlichen Aspekten trug Michaela Kuhlmann auch wertvolle Hinweise auf die Situation in Deutschland bei.  So dürfe das in ihrem „IntraActPlus-Konzept“ so wichtige Lob nicht nur für Leistung gezollt werden, sondern müsse vor allem der Anstrengung gelten.

Die Heilpraktikerin wies darauf hin, dass hierzulande die Freude darüber zu wenig ausgeprägt sei, „wenn ein Kind einfach da ist“. Oft fehle einfach das „Ich mag dich so, wie du bist“. Sie wies auf die Ängste hin, die Eltern in der Beziehung zu ihrem Kind ausprägen, und die zur Belastung in der Therapie werden können. Skeptisch steht die Lehrerin auch den vielen teuren Tiertherapien mit Ponys oder Delfinen gegenüber. Therapiebedürftig sei die Beziehung der Kinder zu Menschen; Training mit Tieren weiche dem eigentlich erforderlichen, für die Eltern oftmals schwierigen Weg nur aus.

Sich dem zu stellen, kleine Schritte geduldig zu gehen und dabei das Kind so anzunehmen, wie es ist, hilft nach Überzeugung von Michaela Kuhlmann nicht nur dem Kind selbst, sondern bereichert letztlich die ganze Familie. Die Therapeutin jedenfalls hat in ihrer Arbeit mit den kleinen Patienten viele schöne Erfolge erfahren, Fortschritte bewerkstelligt und Freuden erlebt. Für sie steht heute fest: „ADS hat auch viele tolle Seiten.“

 

Für die „Deutschen“ ist Dr. Kücükyazici oft die erste Anlaufstelle

Deutsch-türkischer Erfahrungsaustausch bei Sozialforum

Wenn in Deutschland die großen Ferien beginnen, kommt auf das Team von Dr. Bora Kücükyazici in Istanbul spürbar mehr Arbeit zu. „Eltern aus Deutschland wenden sich an uns, wenn sie über die Ferien in der Türkei sind“, berichtet der Leiter eines neurologisch-psychiatrischen Zentrums für Kinder und Jugendliche. Die Eltern suchen Rat, weil ihre Kinder Hilfe brauchen.

Sie sind hyperaktiv oder leiden an Aufmerksamkeitsdefiziten, sie haben Schwierigkeiten mit dem Lernen in der Schule und im Umgang mit Menschen. „Warum“, so fragen deutsche Lehrer und Sozialarbeiter, „finden die türkischen Jungen in Deutschland nur so schwer Zugang zu Hilfe? Spielen Tabus oder Scham eine Rolle, fehlt den Eltern das Problembewusstsein, sind sie uneinsichtig, oder liegt es an den Einrichtungen, sind die Angebote nicht kultursensibel, müssten sie andere Wege gehen, um auch türkischstämmige Familien zu erreichen?“

In Istanbul bekamen die Deutschen erste Antworten. Eine Gruppe von Fachkräften aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und Berlin besuchte das erste deutsch-türkische Sozialforum „Inklusion International“ in Istanbul und lernte während des einwöchigen Aufenthalts auch zahlreiche Einrichtungen aus der Behindertenarbeit kennen.

 In den Schulferien wächst die Zahl der Anfragen

Die Beobachtung von Dr. Bora Kücükyazici, der während der Schulferien vermehrt Anfragen von Auslandstürken erhält, legt die Vermutung nahe, dass Misstrauen und Skepsis gegenüber den deutschen Institutionen vorliegen und auch Sprachprobleme eine Hürde darstellen. Dass dies aber mitnichten nur ein Problem von Familien mit Migrationshintergrund in Deutschland ist, weiß auch Kücükyazici. Der Psychologe berichtet zugleich von einer verbreiteten Zurückhaltung auch der Istanbuler Eltern, für ihre Kinder eine Diagnose erstellen zu lassen. „Sie kommen erst zu uns, wenn es schlechte Noten gibt“, sagt der Arzt.

Sein Zentrum ist eine private Einrichtung. Das bedeutet, dass Diagnose und Therapie privat zu finanzieren sind. Zu den Patienten gehören daher zumeist Kinder aus wohl situierten Verhältnissen. Falls deren Eltern einsichtig sind, können sie ihren Kindern die notwendige Hilfe zuteil werden lassen. In den benachteiligten Schichten, die sich private Behandlungen nicht leisten können, sieht die Lage düsterer aus. Das staatliche Sozialsystem bietet nicht ausreichend Unterstützung. Das Problembewusstsein ist noch wenig ausgebildet, Therapiemöglichkeiten sind rar.

Die verschiedenen Einrichtungen, die auf dem Besuchsprogramm der Fachkräftegruppe aus Deutschland standen, stellten ihre Konzepte vor und tauschten sich mit den Gästen über fachliche und gesellschaftliche Bedingungen ihrer Arbeit aus. Im Zentrum standen die Krankheitsbilder ADHS und ADS. Das erste, eine neurobiologische Erkrankung mit erheblichen sozialen Auswirkungen, steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. ADS wird umgangssprachlich oftmals für den unaufmerksamen Subtyp verwendet und steht in der Langfassung für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder –störung.

ADHS und ADS – „Modeerscheinungen“?

ADHS und ADS als „Modeerscheinungen“ kamen bei der Istanbuler Tagung ebenso zur Sprache wie die umstrittene medikamentöse Behandlung und die negativen Folgen, mit denen Kinder ihr Leben lang zu kämpfen haben, wenn sie erst den „Stempel behindert“ tragen.

Verbreiten sich Erkrankungen wie ADHS und ADS zunehmend durch gesellschaftliche Veränderungen, sind die Kinder von der wachsenden Reizüberflutung überfordert, scheitern sie an den Verhältnissen, oder rückt ein „Zappelphilipp“ heute nur in ein anderes Wahrnehmungs­schema, wird zu rasch das entsprechende Etikett aufgedrückt, Retalin verordnet, ruhig gestellt?

Beides trifft zu. Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität sind schwer zu diagnostizieren, lassen sich aber als Erkrankung des Gehirns nachweisen. Genetische Defekte sind eine nachweisbare Ursache. Doch nicht jeder lernbehinderte oder unruhige Junge mit Konzentrations­schwierigkeiten ist an ADHS erkrankt. Die häufige Fehlannahme ist eine Zeiterscheinung, ausgelöst durch mangelnde Kenntnisse und fehlende Differenzierung bei der Diagnose.

Zugleich verschärfen die veränderten Lebensumstände die Problematik. Die hohe Dichte an Reizen, die den Kindern Aufmerksamkeit abfordern, macht kranken Kindern das Leben umso schwerer. Die Bedingungen in den Schulen – große Klassen, wenig Personal – sind nicht dazu angetan, ausgleichend und fördernd auf die Kinder einzugehen. Die Familien sind häufig überfordert, die Krankheit überhaupt zu erkennen, geschweige denn, damit umzugehen.

Wenig Mitwirkungsbereitschaft bei den Eltern

Die Therapie bezieht daher zunehmend auch die Eltern mit ein. Die türkischen wie die deutschen Experten stimmten darin überein, dass ohne diesen erweiterten Ansatz auch den Kindern nicht optimal geholfen werden könne. Stress, Überlastung und auch Scham und Schuldgefühle drücken oftmals die Erziehungsberechtigten, so dass sie zu einer Unterstützung ihres Kindes nicht in der Lage sind und sogar zur Verschlimmerung der Krankheit beitragen.

Mediziner, Psychologen und Lehrer beklagen übereinstimmend sowohl für Deutschland als auch für die Türkei, dass Eltern wenig Mitwirkungsbereitschaft zeigen, sich häufig verweigern und auch die nötig erachteten Maßnahmen blockieren. In beiden Ländern unterliegt das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom nach wie vor einem Tabu. Kulturelle und religiöse Prägungen lassen es unterschiedlich hartnäckig erscheinen.

 Ein Sohn ist immer der Prinz

Die traditionelle Rolle des Sohnes in der türkischen Familie wirkt sich aus. „Ein Junge ist der Prinz“, heißt es und bedeutet: Bei ihm lassen die Eltern mehr Nachsicht walten als bei Töchtern. Über Aggressionen und fehlende soziale Kompetenzen wird eher hinweggesehen. Dass Konzentrations- oder Lernschwächen bei einem Jungen krankheitsbedingt sein können, wollen Eltern nicht wahrhaben, oder aber sie verstehen die Krankheit als auferlegte Glaubensprüfung, die anzunehmen und zu erdulden sei. Auch das hält viele davon ab, ihren Kindern medizinische Versorgung zukommen zu lassen.

Die traditionelle Wahrnehmung von Behinderung in der türkischen Gesellschaft geht auf derartige religiöse Überzeugungen zurück. Das kommt nicht zuletzt in der Sprache zum Ausdruck. Im Türkischen werden Menschen mit Behinderungen als Engeli, also als Engel bezeichnet. Sie gelten daher zwar als besonders schutzwürdig, aber eine professionelle medizinische, psychologische und sozialpädagogische Unterstützung ziehen die Eltern vielfach gar nicht in Betracht.

Die Debatte über die Inklusion, wie sie von den Vereinten Nationen angestoßen inzwischen auch in Deutschland breit geführt wird, steckt auch in der Behindertenarbeit in der Türkei noch in den Anfängen. Nach UN-Definition wird Inklusion verstanden als allgemeinpädagogischer Ansatz, der auf der Basis von Bürgerrechten argumentiert, sich gegen jede gesellschaftliche Marginalisierung wendet und somit allen Menschen das gleiche volle Recht auf individuelle Entwicklung und soziale Teilhabe ungeachtet ihrer persönlichen Unterstützungsbedürfnisse zusichert. Für den Bildungsbereich bedeutet dies einen uneingeschränkten Zugang und die unbedingte Zugehörigkeit zu allgemeinen Kindergärten und Schulen des sozialen Umfeldes. Jeder Mensch wird also als selbstverständliches Mitglied der Gemeinschaft anerkannt.

 Am Ende gilt das Argument der Einspareffekte

In den Experten-Gesprächen in Istanbul trat eine verbreitete Skepsis über die in Deutschland forcierte schulische Inklusion nicht nur körperlich, sondern auch geistig behinderter Kinder zu Tage. Der gemeinsame Unterricht mit nicht behinderten Kindern biete zwar Chancen, miteinander und gegenseitig voneinander zu lernen. Unter dem Etikett der Eingliederung in die Regelschulen würden aber vor allem Einspareffekte angestrebt, warnen Pädagogen. Die Förderschulen mit ihren kleinen Klassen und dem höheren Personaleinsatz böten für lernbehinderte Kinder besser geeignete Bedingungen, würden aber mit fortschreitender Inklusion zurückgedrängt und, so befürchten es die Experten, schließlich völlig abgewickelt.